"Nettoverzinsung" - Lebensversicherung verstehen

Kennzahlen sollen helfen, sich ein Bild von der Qualität eines Versicherers zu machen. Doch welche Kennzahlen sind aussagefähig? Welche sind wichtig, um eine Auswahl zu treffen, und was sagen sie uns wirklich über die Qualtiät und Leistungsfähigkeit von einzelnen Gesellschaften?

Es vergeht kaum eine Woche ohne entsprechende Veröffentlichungen. Ratingagenturen vergeben ganz unterschiedliche Siegel zur Beurteilung, einzelne Kennzahlen machen rasend die Runde und werden in bunten Diagrammen schnell sortiert und kommentiert.

Lebensversicherung verstehen bedeutet, die verwendeten Kennzahlen einordnen und richtig interpretieren zu können.

Ein Beispiel: Die Nettoverzinsung der Kapitalanlagen eines Versichereres.

Der höchste Wert in 2013 lag bei satten 6%. Im derzeitigen Zinsumfeld ein überraschend hoher Wert. Als Kunde wäre ich sehr interessiert daran, eine solche Verzinsung für mein Geld zu bekommen.

Im Gegensatz zur laufenden Durchschnittsverzinsung berücksichtigt die Nettoverzinsung auch außerordentliche Erträge (z.B. Gewinne aus dem Abgang von Kapitalanlagen) und außerordentliche Aufwendungen (z.B. Verluste aus dem Abgang von Kapitalanlagen) incl. Zu- und Abschreibungen.

Zur korrekten Bewertung der Angaben zur Nettoverzinsung sollten die außerordentlichen, also nicht regelmäßigen Erträge und Aufwendungen genauer betrachtet werden. Ebenso die Folgen daraus für die zukünftigen Anlageentscheidungen des Versicherers.

Außerordentliche Erträge:

In der Nettoverzinsung stecken derzeit bei vielen Versicherern erhebliche Veräußerungsgewinne, die nicht beliebig wiederholbar sind. Durch den Zinsrückgang sind festverzinsliche Wertpapiere aus "alten Tagen" mit hohen Zinskupons erheblich in ihrem Kurs gestiegen. Verkauft ein Versicherer jetzt solche Wertpapiere, erzeilt er einen nennenswerten Kursgewinn. Die Folge ist, dass diese einmaligen Kursgewinne das Kapitalanlageergebnis in einem Jahr sehr positiv beeinflussen.

Gleichzeitig muss das Kapital aber neu angelegt werden. Hierzu stehen aber nur Wertpapiere zur Verfügung, die im Vergleich zu den gerade verkauften entweder eine deutlich niedrigere Verzinsung anbieten oder erheblich höhere Risiken mit sich bringen. Erreicht wird damit also eine tolle Nettoverzinsung in einem Jahr. Doch man hat ein Stück weit "Tafelsilber" verkauft.

Auswirkung auf die Kapitalanlagestruktur:

Wenn man Glück hat, steht hierzu etwas in den Geschäftberichten. Nicht immer so viel, dass man wirklich schlauer wird. Dennoch lohnt sich ein Blick. Bei dem Versicherer mit der sechs vor dem Komma der Nettorendite ist zu lesen, dass in erheblichem Umfang in Anleihen von PIIGS-Staaten investiert wurde. "PIIGS" steht dabei für die Staaten Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien. Diese Staaten gelten nicht gerade als erstklassige Schuldner. Es wurde also bei der Neuanlage von Geldern ein erhöhtes Risiko eingegangen.

Sehr konservative und sicherheitsorientierte Versicherers, vermeiden den Verkauf gut verzinster Anleihen. Sie nehmen damit eine niedrigere Nettoverzinsung in Kauf, verkaufen aber eben auch kein Tafelsilber. Bei Neuanlagen werden vorzugsweise Staatsanleihen von nordeuropäischen Staaten mit sehr langen Laufzeiten und höchster Bonität erworben. Dieser Versicherer versucht die lange laufenden Garantien gegenüber Kunden mit erstklassigen und möglichst ebenso lange laufenden Anleihen zu unterlegen.

Welcher Versicherer die bessere Geschäftspolitik verfolgt, wird die Zunkunft zeigen. Gut beraten ist, wer neben den vielfältigen Ratings und Indikatoren , auch Unterstützung bei der Einordnung der Informationen von seinem Makler erhält.

Die Nettoverzinsung der Kapitalanlagen eines Versicherers ist also stark abhängig von Sonderfaktoren, die in gewissem Umfang auch gestaltbar sind. Deshalb ist sie ein problematischer Indikator dafür, wie gut das Geschäft mit der Kapitalanlage in einem bestimmten Jahr gelaufen ist, und taugt wenig, um festzustellen, ob das Unternehmen langfristig gut und sicher aufgestellt ist. Die sog. "laufende Verzinsung" der Kapitalanlagen sollte deshalb immer mit betrachtet werden, da diese Kennzahl die außerordentlicien Erträge und Aufwendungen unberücksichtigt lässt.

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